„Bares für Rares“ – Tri tra trullala, Kasper ist da

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Die ZDF-TV-Sendung „Bares für Rares“ erlebt einen schweren Verlust.
Horst Lichter kann möglicherweise nicht mehr an der Sendung „Bares für Rares“ mitwirken, weil er Lädierungen verabreicht bekam, die eine längere Erholungszeit beanspruchen. Verursacht wurden diese Lädierungen durch Haue vom Kasper mit der Pritsche. Dabei sind die Lädierungen weniger körperlicher Art, sondern Lichter ist bestürzt darüber, dass der Kasper ihn nicht lieb hat.

Als Gründe für seine Haue mit der Pritsche auf Horst Lichter, anstatt traditionell das Krokodil zu hauen oder den bösen Zauberer oder den Teufel, nannte der Kasper Lichters selbstgefälliges und unmassgebliches „Gelaber“. Denn wie Lichter von sich selbst sagt: „Ich kann nur labern“, „Blödsinn machen“, „dummes Zeug reden“. Der Kasper ist insbesondere deswegen aufgebracht, weil Lichter vorzugsweise die kompetenten, interessanten und lehrreichen Vorträge der Expertinnen und Experten – die einzige Legitimation der Sendung und nur als solche würde der öffentlich-rechtliche-Sender seinem Bildungsauftrag gerecht, `Wahres für Rares´ – infantil unterbricht und dabei Grimassen feixt gleich dem „Dummen August“, sich in Szene setzt und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er löchert die Anbieter mit Fragen und fällt ihnen dann in die Antwort, sagt gar: „Ach, hör auf“, duzt sie, verniedlicht und verkleinert sie und Inhalte ihrer privaten Geschichten (Storytelling) um den von ihnen angebotenen Gegenstand (das Artefakt), agiert plump-vertraulich und zudringlich, tätschelt sie im Gesicht und am Körper, knutscht sie im Gesicht, grabscht sie an und nennt Frauen „meine Liebe“.
Das überhaupt inszeniert Lichter als sein Grundwesen: Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie ein zu kurz gekommenes anerkennungsdefizitäres und sich als minderwertig empfindendes Kind, das sich entsprechend ständig `lieb Kind´ machen will, nervös agiert und hin und her fuchtelt, rennt, unkontrolliert „labert“ und synchron zu seinem Redefluss mit den Augenlidern zuckt.

Dabei greift Lichter auf Grundfesten kindlicher Kommunikation zurück: duzen und Menschen und Sachen verkleinern, verniedlichen und anfassen – Anbieterin: „ich heiße Renate Musterfrau“, „Renatschen“, „och dat is abba nett wat de da mitbringst“, „dat is ja en Träumschen“ – und: als Dummer-August herumhampeln und sich verkleiden, überkommene Schnauzbartmode, Sehnsucht nach der Kindheit bzw. wegen der („von daher“) Fotos seiner Eltern aus „der guten alten Zeit“ von Oppa und Omma mit dem Kaiser und dazu die schöne Marschmusik, und auch bösartig werden wie verzweifelte Kinder, wenn sie sich abgewiesen fühlen bis hin sich als der Grösste zu geben.

Lichter versucht sich zwanghaft-nervös Menschen anzueignen, u.a. mittels seiner Duzsucht. Er sagt, Deutschland sei das einzige Land wo die Sprache kompliziert sei mit Siezen und Duzen. Das liegt an der hohen deutschen eindeutigen und damit leichten Sprachkultur. In anderen Sprachen ist es undeutlicher. In der Regel ist es stillos und entspricht nicht zivilisatorischem Respektverhalten, fremde Menschen zu duzen, auch wenn es zunehmend moderner wird zu duzen, aber nur weil es modern ist, muss es nicht individuell und gesellschaftlich humanistischer sein. Im kultivierten Umgang verweist dies auf Geringschätzung und Respektlosigkeit. So werden oft junge Menschen von mittelalten und alten Leuten umstandslos geduzt, `Generationsduzen´, sowie Leute die einfache Arbeiten verrichten (Putzleute, Müllabfuhr, ServiererInnen, Hotelmitarbeiterinnen, FeldarbeiterInnen, HilfsarbeiterInnen etc., die aristotelischen „Menschenfüßler“/“Andrapoda“ wurden nicht einmal als Menschen angesehen), `Herrenduzen´, Ausländer werden geduzt und das Frauenduzen, Chauviduzen und Deutschduzen, Kumpelduzen, Kneipenduzen etc. – zwischen dem Übergriff Duzen und dem Übergriff „Grabschen“ etc. liegt nur „ein Jota“, und also grabscht Lichter obendrein dreist.

Lichter versucht zwanghaft-nervös Sachen und Menschen zu verkleinern, zu verniedlichen, damit er sich größer fühlt als überlegenes Liebkind und seine Angstschwelle sinkt. Lichter als Deminutivus aus „Kleinbonum“, verringern, vermindern, minus, verniedlichen, infantilisieren – und: entwerten, kleinreden (gemäß also Kleinbares für Rares), Übergriff eines tatsächlichen Erwachsenen oder sich als solcher Gerierenden, als Gernegroß, der mit seiner Verniedlichung und Verkleinerung nun Reaktionen des Anderen als Kind-Ich erzwingen will, derjenige die Verniedlichung seiner Person und die von ihm erzählten Inhalte übernimmt und in die Verniedlichungsrolle gleitet. Derart eingelullt und eingeschüchtert und verklärt! geht AnbieterIn in den „Händlerraum“, und die Händler nutzen dann die „Aufregung und Arglosigkeit der Menschen“ um diese „wie eine Gang … ab-zu-zocken“, schreibt Thomas Moßburger auf „Chip Online“ (Wiki).

Die gesunde und respektvolle Kommunikation von reifem Erwachsenen-Ich zum Erwachsenen-Ich auf Augenhöhe vermeidet Lichter wo er kann. Statt dessen pendelt er bei den AnbieterInnen zwischen Eltern-Ich und Kind-Ich. Und je nach seinem Bedarf ist er in der Kommunikation mit „meinen“ Experten penetrant autoritär und kommandiert sie autokratisch herum, die Expertinnen fügen sich gehorsam!, er fordert Gehorsam, und ist mit den Anbietern wann immer möglich verniedlichend, also libidinös autoritär und unterdrückerisch, insbesonders mit Frauen redet er als seien diese Kinder (mit denen man auch nicht verniedlichend reden sollte). Lichter versucht sich die Autonomie des anderen zu unterwerfen und aufgebläht zu vereinnahmen, gemäß seinen egoistischen Kinderspielen, und wehe er bekommt seinen Willen nicht. Durch sein Macht-der-Worte gemässes magisches „Labern“ und verrohen von Sprache und Geistesbildung fühlen sich AnbieterInnen angenommen und anerkannt und folgen dem Wortführer – gegenseitige Idealisierung, die Identifizierung und Illusion schafft.

Und Lichter erweist sich als zwanghaft-nervöser „Grabscher“ und „Antatscher“. Er grabscht fast jeden an, insbesondere Frauen, schwankt zwischen kindlich-verführerischem Betteln um Zuwendung und Größenselbstgelaber und baggert so lange, bis es meistens zur Versymbiosung kommt, alt, mittel und jung, schön, „mittelhübsch“ und unschön, schlank, mittel und überfettet. Er grabscht und tätschelt auf Hände und Arme, auf Schultern und obere und untere Rücken, auf Hinterköpfe und Wangen – die „knutscht“ er auch gerne, „meine Liebe“. Sein Männerbild ist pubertär-plumpe Kumpanei: „bis en netten Kerl“, „bis en feinen Kerl“ (ohne die Menschen zu kennen, wer weiss wie die tatsächlich sind!), und bei Fahrern von „Moppetts“, Motorrädern und Oldtimer-Autos oder Männern mit Kinderspielsachen: „bis mein Freund“. Sein Frauenbild ist die strenge Mutter bzw. strenge Ehefrau die „zuhause die Hosen anhat“. Und er macht sexistische Kalauer nach niedertriebiger Kneipenmanier, Plaudern aus dem Nähkästchen, süffisant, schlüpfrig bis vulgär und Schmeichelei in den Tonalitäten frotzelnd, schäkernd, sexistelnd, schleimig, dreist, impertinent …

Lichter will von den Leuten ihre privaten Gedanken und Wünsche wissen, wie viel Geld sie gerne für ihre angebotenen Artefakte hätten, „ne Wunsch“, und dann, was sie damit machen wollen. Und wenn Anbieter keinen Wunsch haben, wird Lichter rabiat. Und da sagt er schon mal und immer wieder zu den Anbietern solche Sachen wie: „Du sachst: Pass auf! …“, „Komm her …“, „Du sachst: komm her …“, „So!“ (offenes o!, englisch ɒ) und dann sagt er z.B. „davon mal janz abjesehn“, obwohl weder von ihm noch von anderen etwas gesagt wurde wovon abzusehen wäre. Oder er staunt: „Mein lieber Kokoschinski“, oder „mein lieber Herr Gesangsverein“, oder „leck mich de Söck“, oder „aber Hallo“, oder „aber Hallöchen“. Und er ist Lebensphilosoph, eben `Küchenpsychologe´(Common-Sense-Psychologie), (wie auch sein Kollege Roland Trettl, der Arme-Beine-Performer) und der gute Ungebetene-Ratschlag-Onkel mit Lebensweißheiten, ja: Beurteiler, Bewerter – eben der eigentliche Menschenexperte!: „dat is rischtisch so“, „dat is vernüftisch“, „dat is en Träumschen“, „so isset rischtisch“ … seine Geschwätzigkeit (Logorrhoe, Polyphrasie) als `Pfeifen im Walde´, ähnlich wie angetrunkene Männer an der Kneipentheke und an der Luxusbar, gegen seine Angst betreibt Lichter insgesamt nervös als eine Art dadaistische Stress-Maschine, in einem Tempo, als könnte er jeden Moment gefasst werden, als könnten Kindheit und Glückssträhne bald vorbei sein.

Erster Akt
ist die Annahme der Artefakte der Anbieter durch den Causeur:
„Das klau ich mal weg“, „das mops ich mal“, „darf ich das schon mal haben“, „das muss ich mal sehn“, „das geb ich schon mal weiter“ … Meist nimmt er den Anbietern ihr anzubietendes Objekt aus der Hand – und die meisten lassen es sich aus der Hand nehmen! – und gibt es an die Expertin oder den Experten weiter – statt Anbieter ihr Objekt an ExpertenIn geben zu lassen oder es sich von ExpertIn nehmen lassen, wo es hingehört – aber er muss immer Herr Wichtig sein -, während er gleichzeitig eine Hand der Anbieter zur Begrüssung schüttelt. Und er fragt nach deren Namen und meist nimmt das Duzen seinen Lauf.
Und warum lassen sich die Leute duzen, oder begrüssen auch selbst Lichter mit: „Hallo Horst“? Das ist oralkindlich-familiäre heile (Wunsch-)Welt, alles heile Familie, und ich Anbieter darf dabei sein, wie schon beim 50er, 60er Jahre TV, so auch die Ästhetik des Logos der Sendung und identisch mit der „Händlerkarte“, 50er-Jahre-Werbe-und-Filmplakat-Design bzw. frühe HB-Zigarettenmarke-Packung, „Meinzelmännchen“-Mentalität plus modernem Kapitalismus. Und dann fragt Lichter die Leute nach ihrem Leben und die Leute erzählen von ihrem Leben und Lichter sagt immer und immer wieder: „Dat kenn´ isch“, und es scheint nichts zu geben, wat er nicht kennt.

Und nun der Dauer-Ritus eines „niedrigsten gemeinsamen Nenners“, wie Ray Bradbury in seinem Roman „Fahrenheit 451“ schreibt. In diesem dystopischen Klassiker geistern „Verwandtschaft, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen, Familie“ über Wohnzimmer-TV-Wände, Zuschauer sind gleichsam interaktiv in diese virtuellen Familie inklusive Familien-Moderator integriert, das Fernsehen wird „Verwandtschaft“ genannt, „das ganze schnatternde Pack von Affen, das nichts sagte, nichts, nichts, und es laut sagte, laut, laut“, wie der abtrünnige Held des Romans, Guy Montag dazu sagt. – Ähnlich verhält es sich im deutschen Fernsehen mit Kochsendungen (solange es noch zu essen gibt – hektischer Abgesang) und: Jeder tritt bei jedem und mit jedem zusammen (Cross-Promotion) in den Sendungen der grossen Gesamt-Fernsehfamilie auf. – Zur „Bares-für-Rares“-Familie-Verwandtschaft gehören Horst Lichter und „meine (!) Experten“ und „die Händler“ – und im Hintergrund die Redaktion sowie die Experten und Fachleute der Redaktion und Produktionsfirma und öffentlich-rechtliche Sendeanstalt. Und: die Anbieter pilgern zur heilen (heiligen) Familie um einmal aufgenommen zu werden und den Lichtersegen zu bekommen.

Und viele „Verwandte“ verfügen über die Eigenschaft des Bauchfühlens und -redens: „Ich habe so ein Bauchgefühl“. Erstaunlich, da das enterische Nervensystem aus Neuronen besteht, welche im Magen-Darm-Trakt wirken und im Bauch sensualistisch-neurophysiologische Reize und Affekte wahrgenommen werden, kein Bewusstsein, denn Gefühle, Intuition, Empathie, Introspektion werden vom Gehirn produziert. Viele „Verwandte“ verfügen über die Übung des Bauchredens. „Mein Bauch sagt mir …“ etc. Sprechende Bäuche liegen im Bereich der Fabel. Und Menschen sagen, sie hätten oft das richtige Bauchgefühl gehabt, wie oft sie falsch lagen, daran will sich ihre Eitelkeit nicht erinnern. So ergibt sich bei „Bares für Rares“ auch eine Bauchrednerfamilie.

Zweiter Akt
ist die Prüfung der Artefakte durch die Experten.
Während dieser Prüfungen hat Horst Lichter eben wegen seiner Dazwischenlaberei die meiste Haue vom Kaspar bekommen, denn die Erläuterungen der Expertinnen ist der interessante und bildungsfördernde Teil der Sendung, dieser alleine würde den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen-Fernsehens erfüllen. In den Anfangsjahren war Lichter noch während der Begutachtungen ehrfürchtig still, zurückhaltend, „ne leeve Jung“. Im Laufe der Jahre hat er vielerlei Methodisches der Prüfungen aufgeschnappt, wie man über lernende und „naseweise“ Kinder sagt, und die Briefings der Redaktion mitbekommen. Und so begann er während der Begutachtung überflüssigerweise diese und jene Frage zu stellen und damit zu stören – wie alt, welches Material, gibt es Punzen, ist es signiert etc. -, Aspekte über welche die Expertinnen sowieso immer sprechen. Er verbreitet eben Nervosität, weil er Ruhe und Zurückhaltung kaum aushält, Angst nicht vorzukommen, also muss er sich zwanghaft in den Vordergrund drängen.

Und er nimmt oft den Expertinnen gleichsam das Wort aus dem Mund indem er über Artefakte die soeben von der AnbieterIn gebracht werden sagt: „Ich tippe auf …“, eben Material, Alter etc. Wenn er falsch liegt und Expertin ihn korrigiert, sagt er z.B.: „ich hab noch Wissenslücken“. Lichter glaubt überhaupt zu wissen, weil er über Jahre `zugeguckt´ hat. Sein Anerkennungsbedürfnis verblendet ihn.

Lichter hat Meinungen. Und seine Meinung über Meinungen lautet: „Über Geschmack lässt sich ja nicht streiten“. – Das Wesen der Meinung ist das Nichtwissen, die fehlende Reflexion über und um den Gegenstand. Meinung anstatt Wissen, der Ersatz. Deswegen sind viele über-zeugt von ihrer Meinung und sprechen dann von „das ist meine feste Überzeugung“. – „Das ist so schrecklich, dass heute jeder Idiot zu allem eine Meinung hat. Ich glaube, das ist damals mit der Demokratie falsch verstanden worden: Man darf in der Demokratie eine Meinung haben, man muss nicht. Es wäre ganz wichtig, dass sich das mal rumspricht: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“, Dieter Nuhr, „Fresse halten“. – Und Oscar Wilde: „Viele Menschen sind zu gut erzogen, um mit vollem Mund zu sprechen, aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun“. – Und Kant schrieb in „Kritik der reinen Vernunft“, „vom Meinen, Wissen und Glauben“, dass Meinung „sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten“ sei. –

Insbesondere beziehen sich Lichters Meinungen auf Kunstwerke, Gemälde, Plastiken, auch Designmöbel und Porzellan etc. Hier kommt meist sein Spiritus Rector und primär-narzisstischer Bruder im Eitelgeist ins Spiel: Albert Maier („der hat Ahnung“, sagt Lichter, also statt Wissen), der von sich selbst sagt: „Ich weiß alles, ich kenne alles und habe schon alles gesehen“, mit dem imaginierten und agierten Habitus des Kunstkenners, also wie Klein Fritzchen sich den weisen Professor und Gelehrten vorstellt. Seine Expertisen sind jedoch technisch, formalistisch und oberflächlich, Fakten-Info-Bildung statt ästhetische Bildung, er nennt Fakten zum Kunstwerk und zum Künstler – leiert Biographisches runter, Infotainment: ist dann und dann geboren und dann und dann gestorben, wenn schon so schulisch überflüssig genau, dann besser: hat von dann und dann bis dann und dann gelebt -, nicht das metaphysische Ansichseiende, Wesen und Substanz (Seneca) des Kunstwerks, nicht spirituelle Botschaft und „Vorschein“ (Ernst Bloch) etc., nicht der Kampf der Widersprüche in der so genannten Modernen Kunst, Negation und Harmonie, Subjekt und „fait social“ (Émile Durkheim, „Regeln der soziologischen Methode“), soziales Handeln und der auf das Individuum ausgeübter gesellschaftliche Druck, vielmehr gleitet er ab in den Niedergang des profitheischenden Kunstmarktes, und grabscht entsprechend Gemälde mit blossen Fingen an. Das Wahre, das Gute, das Schöne, das Erhabene ist keine Geschmacksache und keine Spekulations- und Profitmarktsache, vielmehr gebildete „Antithesis zur Gesellschaft“ (Adorno, „Ästhetische Theorie“), einander widerstrebende Gefühle und Gedanken, und Kitsch als das Gegenteil von Kunst, weil eindimensional, ohne Bewegung, Antagonismen und Unbekanntes.

Und für Maier gelten nur „akademische Künstler“ als Künstler, was „mein lieber Horst“ folgsam nachplappert (ebenso die Händler). Beide kritisieren technische Malstile und sehen nicht, dass KünstlerIn aus Bedeutungsgründen so gemalt hat (Händler erkennen auch nur Formales). Und Meier und Lichter äussern sich über jedes Kunstwerk, ob es ihnen „gefällt“ oder nicht, und nach persönlichem Gefallen macht Maier die Expertise. Ihm fehlt die blochsche „Objektive Phantasie“.

Tatsächlich gehören zu Künsten und Wissenschaften Autodidakten und Semiautodidakten ebenso wie Akademiker, berühmte und bekannte ebenso wie wenig und nicht bekannte Männer und Frauen (letztere sind oft um ihre Leistungen betrogen worden, von Männern), Tausende in der Menschheitsgeschichte, Autodidakten, Semiautodidakten, Nichtakademische, z. B.:
Nicki de Saint-Phalle, Carl Spitzweg, Andy Warhol, Daniel Spoerri, Gustave Courbet, Leonardo da Vinci, Karl Schmidt-Rottluff, Antonin Artaud, Francis Bacon, Vincent van Gogh, Paul Cezanne, A. R. Penck, Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst, Morris Hirshfield, William Turner, Séraphine Louis, Adolph von Menzel, Erich Heckel, Yves Klein, André Bauchant, Pierre Klossowski und viele andere und Tausende bis einhunderttausend Künstlerinnen und Künstler in Deutschland, wie „Die Zeit“ schrieb, die akademisch und nichtakademisch am Hungertuch nagen wegen ihrer „brotlosen Kunst“, wie Bourgeoisie zynisch sagt und sich nur für stilisierte Marktwerte interessiert, nicht für ästhetische Substanz, die von einem Großteil dieser Künstlerinnen und Künstler produziert wird (ebenso waren und sind berühmte und wenig bekannte Menschen der Wissenschaften, Künste und Kulturen, Philosophien, Religionen, Literaturen etc. der Weltgeschichte Autodidakten und Semiautodidakten, z.B.: Jacob und Wilhelm Grimm, Goethe und Schiller und Rousseau, der Erfinder des Otto-Motors, Nicolaus Otto, und der Erfinder des Wankel-Motors, Felix Wankel, Ferdinand Porsche, die Grossen Leibniz und Diderot und Darwin, Joseph Fraunhofer, Heinrich Schliemann, Alfred Brehm, Carl Zeiß, Thomas Alva Edison, der Erfinder des Rasterelektronenmikroskop, Manfred von Ardenne, Gregor Mendel, Mary Anning, Dian Fossey, Jane Goodall und viele andere).

Meister Albertus mimt den vergeistigten Gelehrten, wohl weil er keiner ist, Gutachter ohne akademische Bildung, weswegen er Kunstwerke lobt deren KünstlerIn akademisch ausgebildet wurde und die nichtakademischen KünstlerInnen herabwürdigt. „Man sieht sofort der Maler hat studiert“, sagt er immer wieder über Bilder und Lichter plappert bestätigend dazu. Dann müsste es bei z.B. „Mona Lisa“ oder „Caféterrasse am Abend“ heissen: man sieht sofort der Maler hat nicht studiert.

Inszeniert Maier sich selbst um sich zu erhöhen und seinen akademischen Mangel zu überspielen? Die „Schwäbische Zeitung“ bezeichnet ihn in ihrer Ausgabe vom 29.5.2018 als einen „Autodidakt“, so die Symbiose Meier und Lichter. immerhin nennt Albert Maier seine Arbeit in seiner Webseite „Schätzungen“, statt Expertisen.
Horst Lichter und offensichtlich auch Albert Maier fehlt der Bildungsresonanzboden für das Verständnis für die Metaphysik der Künste (und nicht nur dafür), insbesondere natürlich Horst Lichter verbreitet hier seine bildungsarmen gruseligen Meinungen, „den Bock zum Gärtner“ gemacht, schimpft der Kasper.
Anders die Akademiker Dr. Heide Rezepa-Zabel, Colmar Schulte-Goltz, George Mullen und Friederike Werner. Sie gehen auf das Wesen der Kunstwerke ein – und Horst Lichter staunt (staunen ist der Anfang von Erkenntnis), – und auch Detlev Kümmel, Wendela Horz, John Goldsworthy, Markus Weller, Anne-Katrin Hoffmann, Florian Meyer, Fabian Benöhr.

„Davon mal ganz abgesehn“ liefern Redakteure und Experten und Fachleute von Künsten, Handwerk, Industrieprodukten, Markenproduktionen, Schmuck und Uhren, Porzellan, Bronzefiguren, Antikspielzeug, Gemälden, Möbelstücke, alten Technikprodukten, Motorrädern und Oldtimer-Fahrzeugen und Rarem aller Art etc. für und in der Redaktion von „Bares für Rares“ die Informationen für die „Experten“. Diese Informationen moderieren die Experten dann als Expertise.

Dritter Akt
schließlich überreicht Horst Lichter die Händlerkarte,
nä, verniedlicht: „dat Händlerkärschtschen“, den von allen Anbietern ersehnten und verehrten Fetisch, das diesem innewohnende Zaubermittel zur Wunscherfüllung, den „Grossmummerich“, den „Goldenen Schlüssel“, Lichter spricht vom „Schlüssel“, zum Schatz „Bares“, Lichter zu einer Anbieterin bei Überreichung der Karte: „Da ist Gold drin, und Glück“. Aber nicht nur das, die Überreichung der Händlerkarte – von Lichter während der Überreichung verzögert festgehalten und von der Kamera stets in Großaufnahme gezeigt, als Kurzwerbespot (Testimonial) -, wird von Anbietern als Anerkennung und Aufnahme als Familienmitglied erlebt. Dieses Zugehörigkeitsgefühl, diese Identifizierung und Illusion zeigt sich in der Freude und dem Stolz, den viele „medienunerfahrene Kandidaten“, Stefan Turiak in „quotenmeter.de“ (Wiki), also Anbieter, nach Erhalt der Händlerkarte äußern. Mit diesem familiären Zugehörigkeitsgefühl gehen Anbieter in den Händlerraum und imaginieren auch HändlerInnen und sich selbst als heile Familie. Arno Orzessek im „Deutschlandfunk“ „dass sich die Leute … im raubtierkapitalistischen Weltmarkt da draußen nicht wirklich wohl fühlen und sich auf der TV-Couch umso lieber in bodenständig-nostalgische Flohmarkt-Atmosphäre mummen – Handeln wie dunnemals, ohne rätselhafte Algorithmen“ (Wiki). Aber zwischen Expertinnen und HändlerInnen klafft ein Graben des Unzuhauses: der Graben zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, der Suche nach Wahrheiten und der Suche nach Profitmaximierung.

Das Design der Händlerkarte ist identisch mit dem Logo der Sendungsmarke „Bares für Rares“, Ikone und Symbol. Eine Marke sind ein Totem. Dessen Sinn ist die Benennung, der Name, der Stammes-, Verwandtschafts-, Familien-Name, zu dem man gehört: Punker, Mercedes-Familie, Borussia-Fan, Hipster, Adidas-Träger, Nivea, Bertelsmann-Buchclub-Familie, CC-Fanin, Katholik, Partei, ZDF …
(Was geschieht mit der Händlerkarte, wenn Lichter diese überreicht hat und wenn Anbieter den Händlerraum wieder verlässt und nach Hause geht?)
Und Lichter nennt die Händlerkarte, „mein Werkzeug“, für den Zutritt zum Händlerraum. Und den Händlerraum nennt Lichter immer Händlerraum, nicht Händlerräumschen. Und er spricht von den ExpertenInnen als „meine Experten“, von den HändlernInnen jedoch als „die Händler“, eine klare ZDF-Trennung zwischen Unterhaltungs- und Bildungsteil der Sendung und andererseits Profitforum.
Und dann, wenn Lichter die Händlerkarte an AnbieterIn überreicht hat sagt, er: „da jets zum Händlerraum“, oder : „da jet et röbber“, und wenn AnbieterIn nicht sofort losgeht, sagt er das von Peter Frankenfeld bis Thomas Gottschalk berüchtigte mit tiefer gelegter Drohstimme, um Leute los zu werden: „dankeschööön“.

Vierter Akt
ist die Vorstellung des Artefakts durch die Anbieter bei den Händlern im „Händlerraum“.
Die Händler-Sekte im Tempel „Händlerraum“ (nix Räumschen, hier läuft knallhartes Profitbusiness), drei bis vier Männer und eine und manchmal zwei Frauen sitzen hinter einer Art Tresen oder Theke, welche als Altar fungiert und an der die gleichgesinnten und kungelnden HändlerInnen ihre Manipulationen wie eine Andacht zelebrieren – von Schmeicheleien und küchenpsychologische Scheinplaudereien und Einwickeleien, Klagen über zu hohe Vorstellungen der AnbieterInnen vom materiellen Wert ihrer Sachen, Frotzeleien und Schäkereien bis zu zynischen und aggressiven und glatten Lügen. Und häufig fragt einer der HändlerInnen Anbieter nötigend, ob er/sie das Geschäft mit der soeben höchst bietenden Kollegen oder Kollegin machen will, obwohl vordergründig Frager oder Fragerin nichts mit dem Gebot von Kollege oder Kollegin zu tun hat Händler werden als einander überbietende Konkurrenten dargestellt, darüber hinaus halten sie tatsächlich zusammen, ziehen an einem gemeinsamen Strang.

Und vor dem Tresen-Altar müssen! die meist gläubig-verwandtschaftlich-familial eingestellten Anbieter stehen!, als transzendentaler Kniefall, in der Regel auch alte Leute und Gehbehinderte, erniedrigendes und einschüchterndes Strammstehen vor einem Tresen, hinter dem verschanzt fünf HändlerInnen als Antagonisten sitzen, mit „Amen-Gesicht“, wie G.C. Lichtenberg in seinen „Sudelbüchern“ schreibt, prinzipiell wie im normalen kapitalistischen Leben -, es ist das normale kapitalistische Leben! Das ZDF praktiziert kapitalistische Profitmaximierung für einige auf Kosten von vielen als TV-Sendung. Die gleichsam teleologischen Erwartungsaffekte der erregten Anbieter bezüglich der HändlerInnen, die von ihnen als ihre heiligen Familienmitglieder empfunden werden, prallen auf Mitglieder einer interdependent agierenden Profit-Glaubensgemeinschaft, welche die „Aufregung und Arglosigkeit der Menschen“ nutzen und die unerfahrenen Verkäufer „wie eine Gang … abzocken“, schreibt Thomas Moßburger in „Chip Online“, (Wiki) und dem Geld-Gott huldigen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier bemängelte auf dem Portal „Übermedien“, dass „der Ablauf immer gleich“ sei. Und Hans Hoff von DWDL.de nannte „Bares auf Rares“, „ein Ritual in Reinform. Was früher die Liturgie in der Kirche war, ist heute diese kleine Gerümpel-Verkaufsveranstaltung … „gesendete Gleichförmigkeit. Nicht wenige Zuschauer schätzen so etwas, weil sie das Gleichförmige aus ihrem Leben gewohnt sind und dieses als Zuverlässigkeit interpretieren“ (Wiki). Und Christian Schachinger vom „Standard“ sieht die Sendereihe als eine „versteckte Perle des als Reality-Entertainment getarnten Horrorgenres“ (Wiki). Und: www.wunschliste.de/serie/bares-für-rares/forum. Horst Lichter selbst spricht neuerdings von „Entertainment“.

Oft rationalisieren die Anbieter, wenn sie ihr Angebot an die Händler verkauft haben, ihre Verluste und Enttäuschungen durch die zu niedrige Verkaufssumme und trösten sich selber, dass ihr Artefakt nun „in gute Hände kommt“. Wir „hatten auf mehr gehofft, aber ich bin zufrieden“ etc.. Interessant wäre es, eine zweite TV-Sendung zu machen: `After Bares für Rares´- ein Jahr später, Interviews mit den ehemaligen Anbietern bzw. VerkäuferInnen.

Omas und Opas, Witwen und Witwer, junge und mitteljunge Menschen planten, mit dem „Erlös“ (Lichter) Taschengeld für eine Reise oder zum Hobby beizusteuern, Kinder und Enkel zu beschenken, sich fehlende oder defekte Sachen zu beschaffen oder zu reparieren, bescheiden oder besser essen zu gehen oder das Geld für Familienfeiern nutzen.
Und gelegentlich mimen die HändlerInnen die guten Onkel, Tanten und Gönner und geben Kindern oder jugendlichen Anbietern kleines Geld für die Spardose. Der Eifler Querulant verkündet: „Mir lassen uns nit lumpen“.

Der Querulant – „wat is dat dann für ne Prüjel“, Mädchen und Frauen von 8 bis 88 nennt er „Engelchen“ und duzt jeden, also Frauen als nicht real-eigenständige Menschen, Unpersonen, „von daher“ seine sexistischen Bemerkungen (zu denen seine Kolleginnen verlegen schweigen, insbesondere dann, wenn die anderen kerligen Kollegen mitsexisteln).

Die Starrsinnige – „nein, 20 Euro, mehr gebe ich nicht“, „nein, ich will unter … Euro bleiben“, und mit greller Stimme „kommen wir dann ins Geschäääft!?!“

Der Größte – „ich bin ein starker Typ“, sagt er von sich. Wen mimt er mit Imponiergehabe, Mienenspiel, Gebärdenspiel, Gestik, Körperhaltung, Zeichen und auch mit autoritärem und rigidem und sogar repressivem Ton, wenn er seinen Willen erzwingen will – Napoleon oder Mussolini, Trump oder Nahles??? Der Querulant nennt ihn: „Du Lude“, und er agiert histrionisch (extravertiert, egozentrisch, theatralisch und manipulierend).

Der Narziss – „trägt einen kleinen Handspiegel bei sich, nur für den Fall dass es kein Wasser gäbe“ (Lawrence Ferlinghetti) und brilliert durch mangelndes Kulturwissen.
Der Schmeichler – „wo homs das her“, „von der Großmutter“, sagt Anbieter, „von da Großmutter“, wiederholt der Schmeichler / „so um neunzehnhundert“ („nein, 1872, sagt die Expertise“ – „sag i jo, so um neunzehnhundert“).
Der Unreife – „sein sie doch nicht so stur“ – weil der Anbieter nicht sein Preisangebot annehmen will wird Der Unreife aggressiv-schnöselig, flegelhaft, und sein Wissen glänzt durch Mangel.

Der Prahler – „das solltest Du wissen, Ludwig“ – „ich wette, dass ich es besser weiss“ – er hält Vorträge als gehöre er zu den Experten und liegt immer öfter falsch.

Die Unbekümmerte – ist Expertin, Kunsthistorikerin und Gemmologin,
und Monsieur Wildhaben – hat Manieren und ist kultiviert.

Monsieur Wildhaben ist der einzige der Händler, Männer, welcher sich von seinem Sitz erhebt, wenn er nach Auszahlung des Geldbetrags an VerkäuferIn mit diesem die Hände schüttelt, nicht nur bei Verkäuferinnen, auch bei Verkäufern.

Wenn ein Preis zwischen AnbieterIn und HändlerIn vereinbart ist, sagen HändleInnen: „Komm´se nach vorne“. Davon mal janz abjesehn, also von der Formulierung, ist die Positionierung der HändlerInnen im Händlerraum hinten, und vorne ist, wo Anbieter den Raum betreten. Oder es wird imperatorisch gesagt, vom jüngsten männlichen Händler: „Treten sie vor“, oder: „Komm´se ran“ etc. Würden Anbieter ebenfalls auf Hockern an einem kleinen Tresen sitzen, würden sie auf Augenhöhe mit HändlernInnen verhandeln, sitzen statt zu stehen und HändlerIn könnte nach Vereinbahrung des Preises für Artefakt zum Tresen von AnbieterIn bzw. nun VerkäuferIn gehen und das `Geld auf den Tisch blättern´.
Der Narziss weiss sehr vieles der Kunst-, Kultur-, Politik-, Gesellschafts- und Zivilisations-Geschichte nicht, und auch der Unreife kennt legendäre Menschen und Sachen und Klassiker nicht, und auch der Prahler nicht und mehr noch Der Schmeichler liegt immer öfter falsch, obwohl er sich zum „alten-Haasen“ stilisiert, der alles erlebt hat und kennt und aus der Zeit vor Erfindung der Waage stammt, und wenn Anbieter sagt, was das von ihm angebotene Objekt ist, wiederholt der Schmeichler sofort, als hätte er es gewusst. Grundsätzlich fehlt fast allen Händlern Grundlagenwissen, aber sie sind ja Händler, nicht Experten. Obwohl der Querulant ignorant sagt, wenn ihm die Höhe der Expertise von Anbietenden genannt wird: „Mir machen unsere eijenen Expertisen“, womit der Sinn des Sendekonzepts ausgehebelt wäre. Und der Größte sagt: „Wir sind auch Experten“. Ihm ist die Bekanntheit der Sendung und ihres Personals möglicherweise zu Kopf gestiegen. Experten sind diejenigen, welche die Expertisen formulieren, und diejenigen, welche die Redaktion von „Bares für Rares“ als Experten für die verschiedenen Fachgebiete unterstützen.
Bekanntlich ist die Ontologie von Halbbildung die Sprache des Angebers, zitiert Adorno den Schriftsteller Karl Korn.

Der bereits zitierte Autor Thomas Moßburger schrieb ein zweites Mal über die Sendung, am 16.08.2019 in „Chip.de“, „Warum ich `Bares für Rares´ nicht mehr sehen kann“: Wenn ich einmal beim Rumzappen bei der ZDF-Show „Bares für Rares“ lande, muss ich nach ein paar Minuten meist umschalten. Das liegt … an der (überspitzt gesagt) „Händler-Mafia“, dem tief bietenden Fünfer-Tribunal.
Da laufen nette Omas, Opas oder sonstige nette Menschen an den Expertentisch und präsentieren alte Erbstücke, lassen sie schätzen und verkaufen sie dann für einen Appel und ein Ei. Zumindest für oft viel weniger Geld als vom Experten als Preis-Einschätzung abgegeben.
„Bares für Rares“: Die Händler-Gang mit den Akzenten.
Verantwortlich ist die Fünfer-Händler-Gang, die jede noch so freundlich lächelnde Oma über den halbrunden Tisch zieht. Egal, ob ein nahezu wertloses Kuscheltier oder eine Jahrhunderte alte Goldkette zum Kauf steht: Immer wird mit bayerischem, Kölschem oder Leipziger Akzent mit einem lächerlich niedrigen Startgebot begonnen und das zuvor vom Experten hoch gelobte Teil schlecht geredet.
„Ich würde `nen Zwanni geben“, heißt es dann. Und so gut wie immer lassen sich die armen Kandidaten weichkochen. Der Kunstexperte hat zuvor haarklein erklärt, was das angebotene Gemälde, die Brosche oder die Uhr so besonders macht und sie auf 3.000 Euro geschätzt. Die Händler fangen trotzdem bei 100 Euro an und setzen sich selbst lautstark ein Limit bei 1.000 Euro. „Letztes Angebot, bei aller Liebe, weil Sie so nett sind.“ Die anderen Händler reden dann oft sogar noch auf die armen Show-Kandidaten ein: „Nehmen Sie doch an, bevor Sie das Ding wieder mit nach Hause nehmen“.
Das will ich nicht sehen.
Und die Leute nehmen so gut wie immer die viel zu niedrigen Angebote an. Klar, sie sind das erste Mal in ihrem Leben in einem Fernsehstudio, haben gerade Horst Lichter und andere Menschen gesehen, die Sie aus dem TV kennen, es geht um Geld, oft um ein Stück Familiengeschichte. Sie sind aufgeregt. Und knicken ein.
Das regt mich auf. Die Aufregung und Arglosigkeit der Menschen wird ausgenutzt. Die Händler arbeiten zusammen. Der eine kommt dem anderen nicht ins Gehege, unterstützt ihn sogar statt gegen ihn zu bieten. Wie eine Gang eben. Ich schaue nicht gerne zu, wenn nette Menschen aus meiner Sicht abgezockt werden. Und genau deswegen schaue ich nicht gerne zu, wenn „Bares für Rares“ im Fernsehen läuft.“

Zeitgeist
In der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg brachten arme und verarmte Menschen ihre Habseligkeiten und Wertstücke ins Leihaus, Pfandhaus oder zu Geldverleihern oder sie verkauften an entsprechende Händler, Schieber und Hehler, um an Bargeld zu kommen. Ebenso versuchen es heute mit kleiner und mittlerer bürgerlicher materieller Existenz ausgestattete Menschen in der Hoffnung, diese ihre Existenz zu halten, selbst mit Teilverlusten – so heute z.B. auch über McMakler.de und wirkaufendeinauto.de. – und Fernseh-Medien zelebrieren auf allen Kanälen täglich und mehrmals Kochsendungen – Hitler und Nationalsozialismus und Krieg sind nahezu täglich in TV-Programmen, auch in mehreren gleichzeitig, morgens, mittags, abends, nachts – der deutsche Nationalheld! -, angesichts der ehemals so genannten Neuen Armut, die längst zur Normalität geworden ist, um die Objekte des Begehrens gegen den Mangel mystisch-religiös zu verherrlichen und zu beschwören, prinzipiell nicht anders als ein archaischer Zauberer, Schamane, welcher in der ökonomischen Magie natürliche Werte und Wertsachen zelebriert, das Wachsen von Pflanzen, den Reichtum von Landtieren und Fischschwärmen schildert, und die Wörter werden vom Magier immer in der dem Thema und Ziel entsprechenden Leidenschaft wiederholt, so heute aufgeregte FernsehköcheInnen. „Der Ritus imitiert sein Ziel“, schreibt Sir James Frazer in, „Der goldene Zweig“).

In der Sendung „Bares für Rares“ organisiert der nervöse Propagandist Horst Lichter mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart solchen Verkauf von Anbietern an Händler – mit „gesundem Menschenverstand“, Lichter, „die Denkweise einer Zeit, in der alle Vorurteile dieser Zeit enthalten sind – die Denkbestimmungen regieren ihn, ohne dass er ein Bewusstsein darüber hat“ (Hegel) -, welche also die „Aufregung und Arglosigkeit der Menschen“ ausnutzen und die unerfahrenen und gleichsam wie illusionär verwandelten Verkäufer „wie eine Gang … abzocken“ (Thomas Moßburger in „Chip Online“, Wiki), und also Christian Schachinger vom „Standard“ die Sendereihe als eine „versteckte Perle des als Reality-Entertainment getarnten Horrorgenres“ (Wiki). – Und „dat Träumschen“ von Menschen: „15 Minuten berühmt sein“, wie Andy Warhol sagte, einmal zur lustigen Duz-Familie zu gehören, und dafür bringen sie ihre Opfer an die heile „Familie“, deswegen nehmen sie Verluste hin, ihre Gabe kommt ja in „gute Hände“, sie waren im Fernsehen und haben den netten Duz-Horst getroffen und bei den anderen „Verwandten“ waren sie auch willkommen – eine lebenslange Erinnerung. Antje Hildebrandt schreibt in „WeltN24″: „Lichter weiß, wie man Menschen einwickelt“ (Wiki).

Horst Lichter zum Erfolg der Sendung beim jüngeren Publikum: „Sehnsucht nach Sicherheit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit – nach Dingen, die einfach wahr sind“ (Josa Mania-Schlegel, „Süddeutsche Zeitung“/Wiki).
Und: „Die Leute fangen an, auf Werte zu achten – und damit meine ich nicht nur Gegenstände. Sie haben es satt, dass im Fernsehen Menschen vorgeführt werden. Ich selber bin ein Menschenliebhaber, das ist meine größte Leidenschaft …“ (Cornelia Wystrichowski, „Main-Post“).

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier bemängelte auf dem Portal Übermedien, dass „der Ablauf immer gleich“ sei. „Weniger als bei ‚Bares für Rares‘“ sei „selten im Fernsehen passiert“ (Wiki).
Hans Hoff von DWDL.de nannte „Bares auf Rares … ein Ritual in Reinform. Was früher die Liturgie in der Kirche war, ist heute diese kleine Gerümpel-Verkaufsveranstaltung.“ Die Reihe sei „gesendete Gleichförmigkeit. Nicht wenige Zuschauer schätzen so etwas, weil sie das Gleichförmige aus ihrem Leben gewohnt sind und dieses als Zuverlässigkeit interpretieren“ (Wiki).
Stefan Turiak nennt ein „routinemäßiges, selten oder nur verhalten Abwechslung bietendes Gesamtkonzept“, quotenmeter.de (Wiki).
Thomas Gottschalk in einer Talkshow mit Anne Will: „Ich habe eine Show gemacht mit Jean Paul Gaultier, Helene Fischer und Aerosmith. Aber keine Sau hat sich dafür interessiert. Wir hatten miese Quoten. Und dann macht das ZDF eine Sendung, in der ältere Menschen in Anglerjacken ihre alten Kuckucksuhren in irgendeine Trödelabteilung bringen. … Da sagt dann einer ‚Da geb ich 80 Euro.‘ Das ist pure Langeweile, aber da gucken fünf bis sechs Millionen Menschen zu“ (Wiki).

Die „Denkweise von Renaissance-Höfen“ (Franz Böhm, „Geleitwort zur Studie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung über die öffentlichen und nichtöffentlichen Meinungen im Nachkriegsdeutschland“) hatte sich spätestens 2002 bei „Wetten, dass ..!“ durchgesetzt, als in Paris versucht wurde der eingekehrten Langeweile der Sendung und der Gleichmacherei des Moderators zu trotzen.

Ebenfalls Herrendenken und Lichters Hang zu einem überkommenen und nicht existierenden „Träumschen“ ist Adel (und entsprechend „Oldtimer“)-Adel, den es seit über einhundert Jahren in Deutschland nicht mehr gibt. Ehemalige Titel sind nun Namensteile. So werden gelegentlich „Bares- für Rares“ Abendsendungen in Schlössern inszeniert und Lichter als Schlossherr, verkleidet wie einst Thomas Gottschalk. Und wie einst Gottschalk verbreitet nun Lichter „pure Langeweile“ (Gottschalk), „… der Ablauf immer gleich“ … „Weniger als bei ‚Bares für Rares‘ … selten im Fernsehen passiert“ (Stefan Niggemeier), „routinemäßiges, selten oder nur verhalten Abwechslung bietendes Gesamtkonzept“ (Stefan Turiak) „… gesendete Gleichförmigkeit“ (Hans Hoff), Dauer-Ritus eines „niedrigsten gemeinsamen Nenners“ (Ray Bradbury, „Fahrenheit 451“).
Der britische Schriftsteller Samuel Johnson schrieb im 18. Jahrhundert zum Subjekt in „The Idler“: „Er war auf eine neue Art langweilig, was dazu führte, dass ihn viele für groß hielten“.

Über die Gesellschaft prophezeite Friedrich Nietzsche, das 20. Jahrhundert werde das des Nihilismus sein, und für das 21. Jahrhundert wurden Diagnosen gestellt: infantiles Spaß-gesellschaft-Jahrhundert, Zeitalter der Verschwendung, Zeitalter der Extreme, der Naturkatastrophen, Hungerkatastrophen, der Fettleibigkeit, der Hysterien, der mangelnden Geistesbildung, Sprachbildung, der konsumistischen Langeweile etc., und Megatrends Alkoholfrei, Gesundheit, Tierwohl, Bildung/New Learning, Freiheit, Natur, Neoökologie, Selbstverwirklichung, Individualisierung, Frauen (Female-Shift), Mobilität, Senioren (Silver-Society), New Work etc., und Peter Sloterdijk des narzisstischen Selbstdesigns, des zynischen Bewusstseins, hypernervösen Gemeinschaften, Stress und Verzweiflung und Aggressivität steigen und Identitäten lösen sich auf etc.

Der Philosoph J.G. Fichte schrieb, wie Samuel Johnson im 18. Jahrhundert, in „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ über die Gesellschaft: „Die Idee, wo sie zum Leben durchdringt, giebt eine unermessliche Kraft und Stärke, und nur aus der Idee quillt Kraft; ein Zeitalter, das der Ideen entbehret, wird daher ein schwaches und kraftloses Zeitalter seyn, und alles, was es noch treibt, und worin es Lebenszeichen von sich giebt, nur matt und siechend, und ohne sichtbaren Kraftaufwand verrichten. … ein Zeitalter, das der Idee entbehrt, muss daher nothwendig eine grosse Leere empfinden, die sich als unendliche, nie gründlich zu hebende und immer wiederkehrende Langeweile offenbart; es muss Langeweile so haben, wie machen. In diesem unangenehmen Gefühle greift es nun nach dem, was ihm als das eigene Gegenmittel dafür erscheint, nach dem Witze: entweder um ihn selber zu geniessen oder um die Langeweile anderer, welche es durch seine Darstellungen zu erregen sich wohl bewusst ist, dadurch von Zeit zu Zeit zu unterbrechen, und in die langen Sandwüsten seines Ernstes hier und da ein Körnchen Scherz zu säen. Dieses Vorhaben muss ihm zwar, in der That und Wahrheit, nothwendig mislingen; denn auch des Witzes ist nur derjenige tätig, welcher der Ideen fähig ist.“

September 2019

„kress pro“ meldet:
3. Platz in den Top-10 der besten TV-Manager 2019 ist Thomas Bellut, ZDF

„New Business“ meldet:
TV-MARKT, Trödel-Show auf Erfolgskurs
‚Bares für Rares‘ sorgt im ZDF-Nachmittagsprogramm regelmäßig für Marktanteile von über 20 Prozent (Gesamtpublikum). Nun wollen die Mainzer die Werbevermarktung auf einem neuen Sendeplatz ausbauen. Über die Pläne mit dem Format sprachen ZDF-Verantwortliche im Interview.

Die ARD schreibt in Planet-Wissen.de: „Im Laufe der 1950er Jahre wurde das Fernsehprogramm erweitert. Zunächst auf täglich drei Stunden Sendezeit ausgelegt, gab es Ende der 1950er Jahre pro Tag bereits ein fünfstündiges Fernsehprogramm. Zu dieser Zeit verstanden die Programmverantwortlichen Fernsehen in erster Linie als Bildungsmedium, das nur zu einem sehr geringen Teil unterhalten sollte.“

In den „Programmgrundsätzen“ ist festgelegt, dass in den Sendungen die Würde des Menschen zu achten und zu schützen sei, Achtung der Menschenwürde. § 10 RStV, und die Programme sollen der Wahrheit verpflichtet sein.
Und es darf keine irreführende Werbung die den Interessen der Verbraucher und ihrer Gesundheit und Sicherheit schaden könnten verbreitet werden.

Achtung! Tri tra trullala! Kasper kommt wieder mit der Pritsche und bringt Verstärkung mit: sein ehrlicher und schlichter Freund Seppl, Frau und Stimme der Vernunft die gute Gretl, und die gute Großmutter und die gute Fee.

 

 

September 2019

 

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