„Dämmerung“ und „Zerrissenheit“

Das ganze Universum ist völlig wahnsinnig!

© Robert Crumb

„Zerrissenheit“ wurde zu einem zentralen Deutungsbegriff von Dichtern und Schriftstellern über Deutschland Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, ausgelöst durch Heinrich Heine: „Lieber Leser, gehörst du vielleicht zu jenen frommen Vögeln, die da einstimmen in das Lied von Byronischer Zerrissenheit, das mir schon seit zehn Jahren in allen Weisen vorgepfiffen und vorgezwitschert worden … Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, dass die Welt selbst mitten entzweigerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so musste es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden“ („Reisebilder und Reisebriefe“).
„Byronischer Zerrissenheit“ formulierte Heine aufgrund des zerrissen Charakters des Dichters Lord Byron: „Sie sind ein zerrissener Mensch, ein zerrissenes Gemüt, sozusagen ein Byron“.
Auf Heine folgten in den kommenden Jahrzehnten eine Reihe literarischer Produktionen von Dichtern und Schriftstellern in denen diese „Zerrissenheit“ thematisiert wurde, darunter von Nicolaus Lenau in „Die Albigenser“.

Ein Jahrhundert später, 1933/34, veröffentlichte Max Horkheimer seine „Notizen in Deutschland“, denen er den Titel „Dämmerung“ gab, und denen er einen Gedichtteil aus dem „Schlussgesang“ von „Die Albigenser“, von1842, von Nicolaus Lenau voran stellte:
„Woher der düstre Unmuth unsrer Zeit, 
Der Groll, die Eile, die Zerrissenheit? – 
Das Sterben in der Dämmerung ist schuld 
An dieser freudenarmen Ungeduld; 
Herb ist’s, das langersehnte Licht nicht schauen, 
Zu Grabe gehn in seinem Morgengrauen“

Max Horkheimer schrieb seine „Notizen in Deutschland“ zwischen 1926 und 1931.
In seiner „Vorbemerkung“ zum Erscheinen des Buchs heisst es 1933: „… sie (die Themen) beziehen sich immer wieder kritisch auf die Begriffe Metaphysik, Charakter, Moral, Persönlichkeit und Wert des Menschen, wie sie in dieser Periode des Kapitalismus Geltung besassen“.

Und im ersten Essay des Buchs von Horkheimer, ebenfalls mit dem Titel „Dämmerung“, schreibt Horkheimer: „Der Imperialismus der grossen europäischen Staaten hat das Mittelalter nicht um seine Holzstösse zu beneiden; seine Symbole sind durch feinere Apparate und furchtbarer gerüstete Garden beschützt als die Heiligen der mittelalterlichen Kirche. Die Gegner der Inquisition haben jene Dämmerung zum Anbruch eines Tages gemacht, auch die Dämmerung des Kapitalismus braucht nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint“.

Heute dämmert der Menschheit wieder einmal ein Vorabend. Katastrophensignale zeichnen sich in der Dämmerung ab, von nebulösen Dunstgebilden über Zwielichtigkeiten bis hin zu kurzen gleissenden Blitzen, welche momentan die Dämmerung zum Tag machen. Geblendet und leichtfertig werden jedoch Realitäten und Warnungen mythologisiert und illusioniert, verhöhnt und ekstatisiert:

„Der Widerstand gegen das Reale
ist das oberste Dogma unserer Zeit.
Es geht um die Verlängerung und Perpetuierung
der ursprünglichen mythischen Illusion“
René Girard, „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“

Es gilt bezüglich einer möglichen neuen, andersartigen, `modernen´ „Nacht der Menschheit“ wachsam zu sein.
Die Verfolgungs- und Vernichtungssysteme des Kolonialismus und des Nazismus und des Leninismus-Stalinismus-Maoismus sind tot – und leben doch weiter, modernisiert. Wie gewöhnlich tun sich auch gegenwärtig Vertreter der Bildungs- und Meinungselite schwer damit ins mögliche Neue zu sehen. „Zerrissenheit“ und Eigendünkel gehen vor Wissenssuche und Realitätsblick, – „Herb ist’s, das langersehnte Licht nicht schauen, / Zu Grabe gehn in seinem Morgengrauen“ …

„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel“, Friedrich Nietzsche, „Jenseits von Gut und Böse“ … „Eine allgemeine, chronisch gewordene Übernervosität war … das Los jener tugendhaften Reingeistigen – und ihr System kam auf seine Spitze, als es die Ekstase als das Höheziel des Lebens und als den verurteilenden Massstab für alles Irdische nahm“, Friedrich Nietzsche, „Morgenröte“ …
„Das ganze Universum ist völlig wahnsinnig“, „Herr Natürlich“.